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25.08.2020

Arbeitsunfall mit Folgen – das Glück liegt im Augenblick

Es schien ein ganz normaler Tag zu werden – oder zumindest das, was ich als Tatortreiniger so bezeichnen würde. Ein Stammkunde, der mehrere Immobilien besitzt, betrat mein Büro und bat mich eine Wohnung in Frankfurt zu reinigen. Er schilderte kurz, dass es hier wohl nach einer wilden Partynacht zu Handgreiflichkeiten zwischen den Mietern der Wohnung kam und diese sowie das Treppenhaus jetzt verdreckt und mit Blut kontaminiert seien. Bis hierin kein außergewöhnlicher Fall, doch dass dieser Tatort mein Leben verändern würde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt.

 

Arbeitsunfall mit Folgen – das Glück liegt im Augenblick
© shutterstock.com | LanKS

Gemeinsam mit einem Mitarbeiter machte ich mich noch gut gelaunt auf den Weg. Bereits am Parkplatz empfing uns eine ältere Mieterin und begann sogleich aufgebracht über die Personen der Tatortwohnung zu berichten. Diese würden immer wieder durch exzessive Partys, Lärm und Drogenkonsum negativ in der Nachbarschaft auffallen. Wir hörten der Dame kurz zu und machten uns keine weiteren Gedanken darüber, schließlich waren solche Aufträge für uns nichts Ungewöhnliches. Wir bereiteten uns und das Equipment vor, genossen noch kurz die Sonnenstrahlen und machten uns daran, das Haus zu betreten.

Der Moment, der alles veränderte

Bereits im Eingangsbereich bemerkten wir erste Blutspuren, die nichts Gutes verhießen und uns erahnen ließen, was uns in der Wohnung erwartet. An der Türe angekommen sahen wir, dass diese bereits die ersten Spuren eines brutalen Kampfes aufwies, zersplittert, mit kaputtem Türgriff und im Rahmen verzogen, eröffnete sie uns den Weg ins absolute Chaos. Die Küche und das Wohnzimmer glichen einem Schlachtfeld: Zerbrochene Gläser, ein umgeworfenes Sofa, Essensreste und sehr viel Blut auf dem Boden, an den Wänden und am Türrahmen waren die stummen Zeugen des stattgefundenen Kampfes. Die ganze Wohnung befand sich in einem verwahrlosten und ungepflegten Zustand. Doch für mich war es bis dato nichts weiter als ein gewöhnlicher Tatort, den es zu reinigen galt. Ich betrat das Badezimmer, das im typischen 80er-Jahre Stil entworfen war.

Was sogleich ins Auge stach, war nicht das grässliche Rosa der kleinteiligen Fließen, sondern eine zähe, dunkle Blutlache vor dem Waschbecken mit einem Ausmaß von einem halben Quadratmeter. Blut in der Badewanne, Blut an der Toilette und Blutspuren an den Wänden offenbarten deutlich, dass es hier richtig zur Sache ging. Damals bestand der übliche Reinigungsprozess noch nicht darin, Blut zunächst mit einem Nasssauger aufzunehmen, weshalb ich den Putzvorgang startete, indem ich kniend mit mehreren Lappen das Blut vom Boden wischte. Als ich gerade beherzt über die Blutlache wischte, spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz in meiner Hand, der meinen ganzen Körper wie ein Blitz durchfuhr.

Ist mein Leben jetzt zu Ende?

Ich hatte mich beim Aufwischen des Blutes an einer Glasscherbe geschnitten, die unentdeckt in der tiefen Blutlache verborgen lag. Vermutlich war hier ein Parfumflakon zu Bruch gegangen, der mir jetzt eine zehn Zentimeter lange Schnittwunde bescherte. Instinktiv streifte ich mir den Handschuh ab, um die Wunde zu begutachten. Doch in diesem Moment jagten mir wilde Gedanken durch den Kopf: „Scheiße, das darf doch wohl nicht wahr sein. War das jetzt mein Blut oder das, das ich gerade weggewischt habe? Ist das fremde Blut in meinen Körper eingedrungen? Haben die Menschen, die ihr Blut hier verloren, ansteckende Krankheiten?“ Das Kopfkino begann sofort und gnadenlos abzulaufen. Mechanisch erledigte ich die Reinigung vor Ort. Direkt im Anschluss fuhr ich ins nächstgelegene Krankenhaus.  Mit dem Kopf voller schrecklicher Gedanken erklärte ich in der Notfallstation was passiert sei und dass vielleicht fremdes Blut in die Schnittwunde eingetreten ist. Ich wusste, dass das Ehepaar, das mir das eingebrockt hatte, auch in diesem Krankenhaus lag. Vorsichtig erkundigte ich mich über das eingelieferte Paar und dessen Geschichte – doch auch damals war Datenschutz bereits ein großes Thema und Auskünfte über Patienten durften nicht herausgegeben werden. Bittend, bettelnd, flehend, fluchend, schreiend habe ich versucht an diese Informationen zu gelangen. Eine Krankenschwester erklärte sich dann freundlicherweise bereit, mir außerhalb der Regularien Auskunft zu geben. Sie bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: Beide Tatortverursacher litten an Hepatitis C und waren HIV-positiv. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde brach meine Welt zusammen – mein Kopf war vollkommen leer. Ohne mich weiter verarzten zu lassen, verließ ich das Krankenhaus und dachte: „Jetzt ist dein Leben zu Ende…“

Warten, warten, warten

Alle Werte, die ich hatte, alle was mir zu diesem Zeitpunkt in der Außendarstellung wichtig war, war plötzlich nichtig. Ich habe mich schon irgendwo in einem Krankenzimmer sterben sehen und diese Vorstellung war einfach nur schrecklich. Die Angst schnürte mir die Kehle zu und war übermächtig. An diesem Tag, der mein Leben veränderte, habe ich mit keiner Person mehr gesprochen. Ein Arzt ordnete einen HIV-Test an, dessen Ergebnis ich erst in 12 schrecklich langen und quälenden Wochen erfahren sollte. Ein Zeitraum, in dem mir die Sekunden wie Stunden vorkamen.

Glück liegt im Augenblick

In den 12 Wochen des bangen Wartens verspürte keinerlei Freude mehr, konnte mich für nichts mehr begeistern und hatte mein Leben mehr oder weniger bereits aufgegeben.

Je näher Tag X rückte, desto mehr sehnte ich den Termin beim Arzt herbei, um endlich die Diagnose zu erhalten, die für mich eigentlich schon klar war. Der Arzt war quasi der Scharfrichter, der über mein weiteres Leben entschied. Mit langsamen Schritten näherte er sich und ich konnte erkennen, dass sich auf seinem Gesicht ein leichtes Lächeln abzeichnete. Seine Worte, dass beide Tests sowohl auf HIV als auch Hepatitis C negativ waren, war Balsam für meine geschundene Seele. Ich war gesund! Dieser Moment veränderte meine Sicht auf mein Leben komplett, er begleitet mich täglich und führt mir immer wieder vor Augen, dass jeder Moment, den wir haben, ein Geschenk ist und wir ihn genießen sollten. Durch diesen Unfall an einem vermeintlich gewöhnlichen und alltäglichen Tatort und den damit einhergehenden Wochen der inneren Verzweiflung wurde mir in aller Tragweite bewusst, dass tief empfundenes Glück durch ganz kleine Dinge im Leben herbeigeführt werden kann. Zuvor war meine Definition von Glück immer mit Materiellem gekoppelt – ein schönes Haus, ein schnelles Auto oder andere teure „Spielzeuge“. Heute denke ich ganz anders darüber, denn diese Dinge sind mit einem Schlag nichtig. Die Zeit, die wir mit Leben verbringen dürfen, ist uns geschenkt und wir dürfen damit nicht verschwenderisch umgehen. Wie schnell ist ein Tag verloren, wie schnell fliegen die Monate, mitunter sogar Jahre vorbei, in denen wir kein wirkliches Glück verspürt haben? In denen wir uns in einer Gedankenwelt bewegen, die sich immer und immer wieder um die gleichen negativen Dinge dreht? Wir sollten zulassen, jeden Tag Glück zu empfinden, uns darauf einlassen die kleinen Glücksmomente – ein warmer Sonnenstrahl am Morgen, ein gutes Essen, ein Gespräch mit einem wertvollen Menschen – wieder bewusst zu genießen, zu fühlen, zu erleben.

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