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25.09.2020

Selbstaufgabe bis zum Tod – warum das keine Option ist

Wir alle sind unterschiedlich. Manch einer kämpft mehr im Leben, der andere weniger. Doch im Grundsatz ist es doch so, dass es Dinge gibt, um die es sich wirklich zu kämpfen lohnt zum Beispiel um das eigene Leben. Doch leider ist das nicht immer der Fall, wie ich selbst erleben musste…

Selbstaufgabe bis zum Tod – warum das keine Option ist
© shutterstock.com | Photographee.eu

Wir wurden zu einem Auftrag gerufen, der schon sehr ungewöhnlich anfing – vor einem Wohnhaus, an dem die Balkone in Richtung eines Gehwegs ausgerichtet waren, viel besonders der ins Auge, der mit einer Glasfassade verkleidet war und mehr wie ein Wintergarten wirkte. Von diesem Balkon tropfte kontinuierlich Flüssigkeit auf den Weg.

Nur eine defekte Wasserleitung oder schlimmer?

Die genaue Auftragslage war noch nicht bekannt. Unsere Auftraggeberin, die Schwester der Bewohnerin, meinte, dass es sich evtl. um einen Schaden an einer Abwasserleitung handeln könnte. Wir kamen an die Wohnungstüre, an der mir sofort der typisch süßliche Leichenduft in die Nase stieg, den ich von zahlreichen anderen Tatorten kannte. Das teilte ich auch der Auftraggeberin mit, die daraufhin entsetzte reagiert gleichwohl aber Klarheit haben wollte, was hier passiert sei. Nach dem Öffnen der Tür betraten wir gemeinsam die Wohnung. Im Wohnzimmer traten wir in eine klebrige Flüssigkeit, die uns irritierte – der ganze Parkettboden war bereits aufgequollen. Das angrenzende Schlafzimmer war verschlossen, doch man konnte unterhalb des Türschlitzes erkennen, dass die Flüssigkeit aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer gelaufen ist. Ich öffnete die Schlafzimmertür und die schrecklichste Vermutung meinerseits hat sich bestätigt. Auf dem Bett lag die Leiche der Bewohnerin – und das wohl schon seit mehreren Wochen. Die tote Frau hatte bis kurz vor ihrem Tod ein Gewicht von 280 Kilogramm erreicht, wie mir ihre Schwester erzählte. Aus dem Leichnam trat demensprechend viel Flüssigkeit und Fett aus, welches durch die gesamte Wohnung über den Balkon auch auf den Gehweg tropfte.

Eine traurige Geschichte…

Sobald der Leichenfundort von den Behörden freigegeben wurde, wollten wir mit den Reinigungsmaßnahmen fortfahren. Zwei Tage später war es soweit und ich habe mich mit der Schwester der Verstorbenen vor Ort getroffen, um eine Eigentumssicherung vorzunehmen. Im Zuge dieser Maßnahme gab sie mir tiefe Einblicke in das Leben ihrer Schwester und erzählte ihre traurige Geschichte. Diese war eine extrem erfolgreiche Börsenbrokerin, die bis zu ihrem 30. Lebensjahr Millionen verdient hatte. Ihr gehörte nicht nur die Wohnung, sondern das gesamte Haus mit über 32 Parteien. Sie war darüber hinaus sportlich sehr erfolgreich, ging dem Reitsport nach, fuhr Ski, joggte und verfolgte viele andere Freizeitaktivitäten. Je mehr ich hörte, desto unverständlicher wurde es für mich, das mit dem letzten Zustand der Verstorbenen in Einklang zu bringen. Sie habe außerdem besonders auf ihre Ernährung geachtet und war immer schlank gewesen, erzählte mir ihre Schwester. Je mehr ich von der Geschichte hörte, umso perplexer war ich.

Dann erzählte sie von einem Schlüsselerlebnis, welches das Leben der bis dato erfolgreichen und lebensfrohen Frau für immer veränderte. Sie erlitt vor 5 Jahren einen Reitunfall und verletzte sich an der Wirbelsäule. Eine Operation brachte keine Erleichterung und von diesem Zeitpunkt an ging es bergab. Sie achtete nicht mehr auf ihre Ernährung, war nur noch in der Wohnung und hat sich aus ihrem kompletten sozialen Umfeld zurückgezogen. Sogar den Kontakt zur geliebten Schwester brach sie ab. Niemand kam mehr an sie heran, bis sie letztendlich durch ihr unachtsames Verhalten sich selbst gegenüber verstarb.

Aufgeben ist keine Option

Damals dachte ich mir: Wie kann so etwas passieren? Wie kann jemand, der so erfolgreich im Leben steht, der so aktiv ist, der auf sich achtet, so tief abstürzen? Schicksalsschläge gehören in jedem Leben dazu, egal wie heftig diese sind, so ist doch unser Leben als solches das größte Geschenk, das wir haben. Und wenn wir es selbst nicht schaffen uns aus einer negativen Spirale zu befreien, dann sollte es im Idealfall jemanden geben, der einen liebt und der einem hilft diese Situation zu meistern. Ich konnte mit meiner Auftraggeberin sehr mitfühlen, denn auch ich habe einen geliebten Menschen aus meiner Familie verloren, weil er sich nicht helfen lassen wollte. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Warum durfte ich nicht helfen, warum hat derjenige sich aufgegeben? Heute sage ich ganz klar: Aufgeben ist keine Option, egal was für ein Schicksalsschlag uns ereilt. Das Wichtigste, was wir haben, ist unser Leben.

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